Tschüssi Internet-Paranoia

Kennst Du das, wenn Du feststellst, dass Du eine komplette Kehrtwendung hingelegt hast? Dass Du Deine ursprünglichen Absichten hinter Dir gelassen hast und es hat Dir nicht ein bißchen geschadet?

Ich war eigentlich immer ein recht konservativer Facebook Nutzer. Jemand, der nur echte „Freunde“ hatte. Nicht, dass ich all meine Facebook Kontakte der Anfangszeit als Freunde bezeichnen würde. Wenigstens kenne ich sie aber aus dem richtigen Leben, offline. Frühere Arbeitskollegen, Schulfreunde, Verwandte die sehr weit weg von mir leben, Freunde im Ausland, Menschen aus meinem Heimatdorf (die kennt man einfach, da gibt es nichts zu diskutieren. Man kennt sie. Sie und ihre Eltern. Und manchmal auch noch deren Eltern). Es war für mich undenkbar, mir fremde Menschen als Kontakte hinzuzufügen. Warum hätte ich das auch tun sollen? Und was hat sich nun verändert? Zwei wesentliche Dinge sind passiert:

1) Ich war lange Zeit in einem Forum aktiv. Aus verschiedenen Gründen gab es für eine kleine Gruppe der Forennutzer immer wieder heftige Diskussionen mit den Forenbetreibern. Ich habe mich mit diesen Menschen aber immer gut verstanden. Irgendwann wurde es ihnen zu bunt und die User (ca. 50) wollten sich aus dem Forum verabschieden, um woanders einen Neuanfang zu wagen. Nur, wohin? Ein eigenes Forum? Technisch ziemlich aufwändig… Sie gründeten eine Facebook-Gruppe. Da ich diese Leute „online“ kannte, wollte ich gern in Kontakt bleiben und so trat ich der Gruppe ebenfalls bei.

Das bedeutete aber, dass aus Nicknames und Avataren plötzlich größtenteils Klarnamen und Profilfotos mit echten Gesichtern darauf wurden! Ziemlich beängstigend für den durchschnittlichen Deutschen 🙂 Aus ehemals anonymem Austausch wurde eine bunte Truppe, die inzwischen tatsächlich auch schon über ein Treffen im richtigen Leben nachdenkt.

Warum habe ich meinen vorsichtigen Standpunkt verändert? Selbstkontrolle! Ich habe mein Facebook-Profil einfach selbst durchstöbert, bevor ich es für andere sichtbar machte. Oh Überraschung, ich konnte für mich feststellen, dass ich durch verantwortungsvollen Umgang kein Risiko eingehe, wenn jemand meinen echten Namen kennt. Es gibt in meiner Chronik keine Fotos von teuren Geräten, keine Adresse, keine Hinweise wann ich nicht zuhause wäre. Keine Duckface-Fotos mit Blick auf’s Dekolleté, die irgendeinen falschen Eindruck meiner Interessen geben würden. Also warum sollte es ein Problem sein?

2) Gut, dass ich mir rechtzeitig Gedanken gemacht hatte. Ungefähr zur selben Zeit startete ich nämlich die ersten online Kurse. Für den Crash Course on Creativity habe ich mit Mitschülern auf der ganzen Welt interagiert. Ich habe in einem Team mit wildfremden Menschen eine Präsentation zusammengestellt. Und jetzt, insbesondere für den E-Learning and Digital Cultures Kurs, wurde empfohlen, sich schon vorab intensiv zu vernetzen, um vom Erfahrungsaustausch mit den anderen Teilnehmern zu profitieren. Eigentlich haben wir eine ganz schön lange Liste bekommen mit empfehlenswerten Plattformen, auf denen man sich anmelden sollte falls man nicht eh schon einen Account hat (z.B. Twitter, Facebook, Google+, Youtube) und… man sollte bloggen 🙂 Der Kurs ist natürlich nur einer der Gründe, warum ich das hier mache. Ein paar sehr motivierte Mitschüler haben gleich eine Facebook und Google+ Gruppe gegründet, eine Twitterliste erstellt und erste interessante Inhalte mit allen geteilt. Ab da war es ein Selbstläufer und immer mehr der Kursteilnehmer wollten sich dann auch untereinander vernetzen. Bald bekam ich erste Freundschaftsanfragen auf Facebook. Und ich wollte mich am Quadblogging beteiligen, einer Kooperation mit anderen Bloggern um in einer 4er Gruppe für eine Woche volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist eine gute Sache weil man in der Masse der Kursteilnehmer nicht untergeht und so auch etwas Feedback zum Blog bekommen kann. Masse heißt im Fall des  E-Learning and Digital Cultures Kurses, dass die letzte genannte Teilnehmerzahl bei über 200.000 liegt.

Jetzt habe ich wieder ein paar Kontakte mehr. Und da sie größtenteils in den USA leben, ist die Chance, sie irgendwann in echt zu treffen, sehr gering aber ich bekomme trotzdem viel von ihnen mit und freue mich darüber. Es sind eben Mitschüler, warum soll man da nur über die Lektionen sprechen? In Echt würde man ja auch mal ein paar private Worte wechseln.

Also werden es immer mehr? Ja und es macht mir nichts mehr aus! Was es bringt, sich auch mit bisher Unbekannten virtuell anzufreunden? Information, Inspiration, ein Zugehörigkeitsgefühl in der Gruppe, Kennenlernen anderer Kulturen. Ich könnte die Liste noch weiter fortsetzen aber ich denke, es wird klar, dass es von Vorteil sein kann auch mal von bisherigen Prinzipien abzuweichen. Facebook macht also nicht nur neidisch sondern kann durchaus bereichernd sein.

Wie sieht es bei Euch aus? Habt Ihr online Freunde die Ihr nicht kennt? Ist es für Euch noch ein Tabu oder schon Selbstverständlichkeit? Gute Idee oder längst ein alter Hut?

Ebenfalls lesenswert: Ary Aranguiz‘ Blogartikel über „Fraingers“ (= Wortspiel: Friends + Strangers)

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5 Gedanken zu „Tschüssi Internet-Paranoia

  1. FB: keine nicht-bekannten Kontakte, ist für mich rein privat und nur noch zur Informationsbeschaffung und nicht mehr -verteilung
    Xing: Seit jeher auch nicht-persönlich-bekannte Kontakte, ist nützlich für’s Berufsleben
    Twitter: hier gibt’s ja nicht wirklich Kontakte, ich folge wem ich will und wer will kann mir folgen…
    G+: hier halte ich mich (noch) raus, hab zwar ein Account, nutze es aber nicht.

    • Stimmt, eigentlich fing es mit Xing schon an 🙂 Und beruflich ist ja nochmal ein anderes Thema, da kann man sich einfach nicht auf den persönlich bekannten Personenkreis beschränken.
      G+, da bin ich wegen des Kurses jetzt auch angemeldet aber (noch) nicht sonderlich aktiv. Das kann ja noch…

  2. Meine Facebook-Freunde sind meistens die Leute, die ich persönlich kenne. Wenn ich mehr Freunde dort hätte, bekäme ich zu viel Information. Ich benutze Facebook nur um mit dem „engen Kreis“ Kontakte zu unterstützen. Ich nehme auch an einigen Gruppen teil, aber ich lese sie sehr selten.
    In ICQ, Jabber, Skype und andere änliche Programmen habe ich doch sehr viele Kontakte, die ich persöhnlich nicht kenne. Ich schreibe Texte für Web-Seiten, und oft kenne ich sogar nur Nickname der Menschen, der mich diese Arbeit geben (und bezahlen), das ist OK für mich. Der „wirkliche Name“ ist für mich nicht so große Schätze wie für viele Leute, deren Meinungen ich früher gehört habe.
    Schon von zwei Jahre nahme ich an eine Diskussion-Gruppe (Chat, Skype und Foren werden benutzt) teil. Zuerst war das für mich anstrengend, aber später werden einige Teilehmer zu meinen wirklichen Freunden, und wir können sogar sehr persönliche Themen besprechen. Mit einigen aus denen habe ich im vorigen Jahr getroffen.
    Ich meine, ich bin zu faul für Paranoia)) Ich folge einfachen Regeln (keine Adresse, nicht sagen, wenn niemand zu Hause ist usw), die in diesem Post beschreibt sind, aber nichts mehr. Meine wirkliche Fotos kann man nur in zwei oder drei Plätze in Internet finden, aber der Grund ist, dass ich die Fotos insgesamt nicht gern habe und sie sehr selten mache. Ich meine, das ein gutes und seltsames Avatar kann mehr über mich sagen )

    • Das gefällt mir sehr gut:

      Ich meine, ich bin zu faul für Paranoia

      denn all die Sorgen, die man sich macht (falls man sie sich macht), verbrauchen Energie und Kapazitäten, die man sinnvoller einsetzen kann. Danke für Deinen persönlichen Erfahrungsbericht, der ja zeigt, dass man durchaus das persönliche „nachholen“ kann und dass auch aus ehemals rein virtuellen Kontakten echte Freundschaften wachsen können.

  3. Pingback: deutscher Coachingkurs, Geldgedanken und OER | On-Learn

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